Astrologie Heute - Themen der Zeit

Wie Ereignisse, die mit einer Muttereklipse zusammenfallen, die Finsternisse der ganzen Saros-Serie prägen

Illustriert am aktuellen Beispiel der Saros-Serie 4 Nord und der Schlacht auf dem Amselfeld

von Claude Weiss

8. 6. 2020

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Fig. 1
Muttereklipse der Saros-Serie 4  Nord
25. 5. 1389 (jul. Kalender), 16:56 GT

Ohne Häuser
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Fig. 2
Muttereklipse der Saros-Serie 4 Nord
für Pristina

25. 5. 1389, 18:21 LT, 16:56 GT
Pristina, RKS (42N39, 21E10)
Koch

Am 21. Juni 2020 kommt es zu einer ringförmigen Sonnenfinsternis auf 0 Grad Krebs, die im Abstand von wenig mehr als 1 Grad nach der Mondknotenachse stattfindet. Diese beinahe exakte Konjunktion mit der Mondknotenachse zeigt an, dass die Muttereklipse der Saros-Serie, die der Sonnenfinsternis vom 21. Juni zugrunde liegt, sich vor ca. 600–650 Jahren ereignete, als sie im Abstand von 18 Grad nach der Mondknotenachse stattfand. Danach haben alle 18 Jahre 35 Finsternisse dieser Serie stattgefunden, die sich mit jedem Mal ein halbes Grad näher an die Mondknotenachse herangepirscht haben, um nun bloss noch 1 Grad nach der mittleren Mondknotenachse zu stehen. In 36 Jahren wird mit der Finsternis vom 12. Juli 2056 die Konjunktion dann genau sein. Die Muttereklipse der Saros-Serie 4 Nord ereignete sich im damals geltenden julianischen Kalender am 25. Mai 1389 und ist in Fig. 1 ohne Häuser abgebildet. Im heute geltenden gregorianischen Kalender entspricht dies mit dem 2. Juni einem Datum, welches 8 Tage später angesiedelt ist.

Als ich in Astrologie Heute Nr. 96 (April/Mai 2002) im Zusammenhang mit der Sonnenfinsternis vom 10. Juni 2002, die der gleichen Saros-Serie angehört, die Muttereklipse aufgrund ihrer Konstellationen deutete, war mir ihr zeitliches Zusammenfallen mit einem äusserst wichtigen Ereignis, welches die Geschichte Europas und das Verhältnis zwischen Christentum und Islam für Jahrhunderte massgeblich prägte, nicht näher aufgefallen. Dies holt nun ein langjähriger aufmerksamer Leser von Astrologie Heute, Federico Flückiger, mit dem folgenden Kommentar nach:

Saros-Serie 4 Nord (Saros-Zyklus 137) – Muttereklipse
Im Artikel zum titelerwähnten Thema in der Zeitschrift Astrologie-Heute vom April-Mai 2002 beschreibt Claude Weiss auf Seite 11 ff. anlässlich der letzten stattgefundenen Eklipse der Saros-Serie 4 Nord, dass die Entsprechungen deren Muttereklipse (Abbildung 1) mit den Worten korrelieren, dass Unterdrückung der Freiheit (Uranus) für die Zukurzgekommenen (Lilith) extrem und kaum aufzuhalten sei, so dass sich die Bereitschaft, sein eigenes Leben zu opfern stark auspräge (Pluto am Mondknoten). Da Jupiter zu letzterer Korrelation einen exakten Quinkunx bildet, käme dabei auch die religiöse Komponente zum Zuge.

Diese sechs Zeilen finden zum Teil (vor allem aber zusammen mit dem Quadrat des Saturns zu Pluto und Mondknoten) ihre Entsprechung im Hauptereignis, das sich in der damaligen (europäischen) ‘Welt’ rund um die Muttereklipse der Saros-Serie 4 Nord ereignete. Es handelt sich um die Schlacht auf dem Amselfeld [1], die am 15.6.1389 (jul. Kalender) in der Nähe von Pristina im heutigen Kosovo stattfand.

In dieser Schlacht standen auf der einen Seite die islamischen Osmanen unter Sultan Murad I, die in den vorangegangenen Jahrzehnten stets vergeblich versucht hatten, das immer isoliertere Konstantinopel endlich zu Fall zu bringen, weshalb sie sich vorerst im Balkan konsolidieren wollten. Ein weiteres Ziel der Osmanen war es, die Routen der damals immer noch regelmässig organisierten Kreuzzüge zu unterbrechen indem sie begannen, die unabhängigen christlichen Reiche auf dem Balkan eines nach dem anderen zu unterwerfen.

Auf der anderen Seite standen die christlichen Serben unter Fürst Lazar Hrebeljanovic; einem Heissporn, der sich nach den beiden siegreichen Schlachten gegen die Osmanen bei Dubravnica (1381) und Plocnik (1386) als unbesiegbar wähnte. Er leistete sich noch kurz vor der Schlacht am Amselfeld einen (erfolgreichen) Konflikt mit dem mächtigen Ungarn im Norden, den er aber, weil er von den osmanischen Truppenverschiebungen in Richtung Serbien hörte, abrupt mit einem Friedensvertrag beendete. König Sigismund von Ungarn unterschrieb zwar den Vertrag, weigerte sich sodann aber, Lazar bei der Schlacht am Amselfeld zu unterstützen.

Trotz der Absenz der Ungaren (und weiteren, mit dem damaligen Ungarn verbündeten Ländern) war nach den meisten Quellen die serbische Armee zahlenmässig den Osmanen überlegen. Beide Heere waren aber insgesamt für die damaligen Verhältnisse ausserordentlich stark aufgestellt. In der folgenden verlustreichen Schlacht wechselte das Schlachtenglück mehrmals und am Schluss wähnten sich beide Seiten als Sieger. Da aber die beiden Heerführer Lazar und Murat I auf dem Schlachtfeld starben, gelten beide Seiten auch als Verlierer. Allerdings war das relativ kleine Serbien wegen den hohen Verlusten und wegen des Todes des charismatischen Lazar derart nachhaltig geschwächt, dass es kurze Zeit später dem Expansionsdrang der Osmanen wenig mehr entgegenzusetzen hatte.

Ein weiterer Erfolg des Osmanischen Reichs liegt in der Tatsache, dass es nach der Schlacht auf dem Amselfeld keinen erfolgreichen Kreuzzug mehr gab. Der letzte, vom ungarischen König Sigismund im Jahre 1396 (7 Jahre nach der Schlacht auf dem Amselfeld) organisierte Kreuzzug scheiterte kläglich in der verheerenden Niederlage bei Nikopolis [2] gegen das osmanische Reich.

Unter den Nutzniessern des Ausgangs dieser Schlacht war auch die damals ebenfalls christliche illyrische Urbevölkerung, die nach der serbischen Landnahme im späten 8. Jahrhundert für über 500 Jahre unterdrückt war und am Gesellschaftsrand ihre (heute albanisch genannte) Sprache behalten konnte [3]. Für sie war das türkische Joch viel angenehmer als das harte serbische und sie wurden als frühere Unterdrückte unter den Osmanen gegenüber den Serben entsprechend bevorzugt. Daher traten in der Folge viele Illyrer/Albaner zum muslimischen Glauben über, den sie bis heute teilweise frei auslegen.

Die Schlacht auf dem Amselfeld und deren Ausgang gilt bis heute vor allem auf dem Balkan als Schlüsselereignis an dem sich immer wieder Konflikte besonders um die Deutungshoheit entzünden. Der Jugoslawien-Konflikt in den 90er-Jahren (vorletzte Eklipse der Saros-Serie 4 Nord) und der immer noch nicht gelöste Konflikt um die Unabhängigkeit des Kosovo sind aktuelle Zeugnisse zu diesem Thema.

Märtyrertum, Opferbereitschaft und angeblicher Verrat bietet Stoff für Legenden
Dass es mit der Schlacht auf dem Amselfeld, die nach dem julianischen Kalender am 15. Juni 1389 stattfand – ein Gedenktag, der später (im 20. Jh.) gemäss dem gregorianischen Kalender auf den 28. Juni verschoben wurde – um heftige Konfrontationen, Machtkonflikte und dem Entstehen eines Helden- und Opfermythos kommen konnte, ergibt sich aus der für Pristina relozierten Muttereklipse der Saros-Serie 4 Nord, die in Fig. 2 abgebildet ist. Dabei sehen wir, dass mit dem Aszendenten im Skorpionzeichen und Pluto/Mondknoten kurz vor dem Deszendenten in dieser Gegend der Welt epochale Machtkonflikte ausgetragen werden, die mit einer engen Venus/Neptun-Konjunktion im 6. Haus mit Opferbereitschaft in Zusammenhang stehen, aber auch mystisch verklärt werden. Dazu gehört, dass zunächst, je nach Quelle, völlig unklar ist, wer die Schlacht zu seinen Gunsten entschieden hat, und beide Seiten die Gegenpartei oder Verbündete des Verrats bezichtigen, wobei eine Rolle spielt, dass in der Schlacht beide Heerführer, sowohl Sultan Murat I als auch Fürst Lazar, fallen. Wir haben in der Muttereklipse zusätzlich zur idealisierenden und die Mythenbildung fördernden Venus/Neptun-Konjunktion einen Quinkunx zwischen Jupiter und Pluto, was nahelegt, dass Geschichten und Erzählungen zu machtpolitischen Zwecken erfunden oder umgeschrieben werden. Dies ist heute, mit der Venus/Neptun-Quadratur, die aufgrund der Rückläufigkeit der Venus von Anfang Mai bis Ende Juli gilt, und der Jupiter/Pluto-Konjunktion, mit Gültigkeit von April bis November, nicht anders. In beiden Fällen ist zusätzlich zu vermerken, dass die Ereignisse auf dem Hintergrund eines Saturn/Pluto-Hauptaspektes verlaufen, was auf eine Zeit hinweist, während der im Hinblick auf Machtstrukturen grundsätzliche Veränderungen spürbar sind: Im Jahre 1389 in Form eines Quadrates, welches zusätzlich die Mondknotenachse ins Spiel bringt, und heute in Form einer Konjunktion, die sich im Zeichen des absteigenden Mondknotens ereignet. Diese Ähnlichkeiten schaffen eine Verbindung zwischen der gegenwärtigen Sonnenfinsternis vom 21. Juni 2020 und ihrer Muttereklipse vom 25. Mai 1389 (im jul. Kalender). Dies bedeutet, dass wir es heute in abgewandelter Form mit ähnlichen Themen zu tun haben könnten wie damals im Jahre 1389: Erlebnis von Ungerechtigkeit, Unterdrückung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie, politische und behördliche Willkür, wobei sich der Stärkere durchsetzt, und als Gegenpol dazu Aufbegehren gegen die erlebte Unterdrückung. Dabei werden, je nach Lager und politischer Orientierung, die Dinge in einem völlig anderen Lichte dargestellt.

Wichtige Einschnitte in der Geschichte von Serbien und Jugoslawien
Auch wenn die durch Finsternisse der Saros-Serie 4 Nord angezeigten Ereignisse für die ganze Welt von Bedeutung sind, könnten Finsternisse dieser Serie für Serbien und Jugoslawien von besonderer Wichtigkeit sein, wobei auch eine Situation vorliegen kann, in welcher Ereignisse, die auf dem Balkan stattfinden, die ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen. In Tabelle 1 (am Schluss des Artikels) sind sämtliche Sonnenfinsternisse der Saros-Serie 4 Nord aufgeführt, die sich seit der Muttereklipse vom 2. Juni 1389 (greg. Kalender) ereigneten. Ohne in die Details zu gehen, ermöglicht dies, uns ein Bild zu machen, inwiefern wichtige Ereignisse die Geschichte Serbiens und Jugoslawiens betrafen.

Saros-Eklipsen vor der Muttereklipse
Zwei Saros-Serien vor der Muttereklipse vom Juni 1389 wird im Jahre 1363 Lazar Hrebeljanovic (auf serbischer Seite der Hauptakteur in der Schlacht auf dem Amselfeld, der später zu einem Märtyrer der serbisch-orthodoxen Kirche wird) Fürst von Serbien. 18 Jahre später wird 1371 Vuk Brankovic (Schwager Lazars und auf serbischer Seite zweitwichtigster Akteur während der Schlacht auf dem Amselfeld) serbischer Fürst, und er ist derjenige, der nach der Schlacht auf dem Amselfeld zum mächtigsten serbischen Herrscher aufsteigt. Er muss jedoch drei Jahre nach der Schlacht die Oberhoheit der Osmanen anerkennen.

Aufstände nach 350 Jahren unter türkischem Joch
Danach führt die fehlende Staatseinheit unter den Serben 70 Jahre nach der Schlacht am Amselfeld 1459 zur Eroberung durch das osmanische Reich, sodass die Serben während mehr als 350 Jahren unter osmanische Fremdherrschaft geraten (und, wenn man die Zeit von der Schlacht auf dem Amselfeld im Jahre 1389 bis zur definitiven Befreiung vom türkischen Joch im Jahre 1876 nimmt, sogar während beinahe 5 Jahrhunderten).

Zu einem ersten serbischen Aufstand kommt es dann im Jahr der Finsternis vom 11. Februar 1804, womit eine teilweise Befreiung vom fremden Joch erreicht wird. Dies geschieht, nachdem am 4. Februar 1804 von den Osmanen wegen Aufstandsgerüchten nach serbischer Darstellung ein «Massaker» an serbischen Führern stattfindet. Darauf wird am 14. Februar von serbischer Seite ein Aufstand geplant, der bis zur Belagerung Belgrads führt. Da der Aufstand inzwischen das ganze Land erfasst und Verhandlungen des Sultans Selim III. mit den Rebellen ohne Erfolg bleibt, wird eine militärische Operation gegen den Aufstand beschlossen. Dies führte zu verschiedenen Schlachten, die in den Jahren 1805 und 1806 stattfinden, und in welchen entsandte osmanische Armeen besiegt werden. Als Resultat der militärischen Erfolge der Serben und aufgrund der Unterstützung durch Russland, welches sich mit den Osmanen im Krieg befindet, kann eine provisorische Regierung aufgestellt werden. Wirren nach dem russisch-türkischen Krieg (1806–1812) nutzt das Osmanische Reich allerdings aus, um 1813 Serbien zurückzuerobern, sodass es den Serben erst 1815 gelingt, mit einem zweiten Aufstand ihr Land zurückzuerobern, obwohl es dem osmanischen Reich gegenüber tributpflichtig bleibt und in Belgrad eine türkische Garnison tolerieren muss.

Endgültige Befreiung ab 1876
Eine endgültige Befreiung gelingt erst im Anschluss an die Finsternis des Jahres 1876, als der erste serbisch-osmanische Krieg am 30. Juni beginnt. Die serbischen Streitkräfte haben aber gegen die überlegene osmanische Armee keine Chance, sodass ein Waffenstillstand ausgehandelt werden muss. Ein solcher kommt dann unter Druck Russlands zustande, welches im April 1877 dem osmanischen Reich den Krieg erklärt. Dies bedeutet für die serbischen Streitkräfte eine Entlastung, sodass sie in einem knapp zweimonatigen zweiten serbisch-osmanischen Krieg ab Dezember 1877 bessere Chancen haben. Allerdings macht inzwischen Österreich-Ungarn Ansprüche auf Bosnien geltend und droht Serbien mit Krieg. Das Resultat ist, dass die Balkankrise erst anlässlich des Berliner Kongresses von Juni/Juli 1878 mit Unterzeichnung des Berliner Vertrages provisorisch beendet werden kann. Vieles bleibt aber ungelöst und diverse Frustrationen sammeln sich an, sodass die Situation bis zur übernächsten Saros-Serie des Jahres 1912 sich wieder so angespannt hat, dass eine neue Eskalation bevorsteht.

Balkankriege und 1. Weltkrieg
Am 17. April 1912 (greg. Kalender) ereignet sich eine Sonnenfinsternis der Saros-Serie 4 Nord auf 27 Grad Widder. Eine Karte aus jener Zeit zeigt ein österreich-ungarisches Reich, welches bis südlich von Sarajewo und bis vor Belgrad reicht, mit einem osmanischen Reich, welches den grössten Teil des heutigen Montenegro einschliesst, ebenso wie alles, was südlich davon liegt, inklusive Albanien, Mazedonien und dem heutigen Norden Griechenlands. Auch Serbien erscheint, neben einem riesigen Bulgarien und Rumänien, eher klein, aber es ist die Rede eines Balkanbunds zwischen Serbien und Bulgarien unter russischer Patronage. Diesem könnten sich Griechenland und Montenegro anschliessen. Mit bulgarischen Streitkräften im Umfang von ca. 230’000 Mann, serbischen von 130'000, montenegrinischen von 30'000 und griechischen von ca. 80'000 würden rund fast eine halbe Million Soldaten zusammenkommen. Dem stehen auf der Balkanhalbinsel auf der Seite des osmanischen Reiches weniger als 300'000 Mann gegenüber. Für dieses ist es schwer, Verstärkung aus Asien zu entsenden, denn es droht jederzeit eine russische Invasion. Erschwerend kommt hinzu, dass bis Oktober 1912 ein Krieg des osmanischen Reiches gegen Italien tobt, welcher zu empfindlichen Verlusten der Türken führt. Die Hohe Pforte steht unter Druck. In dieser Situation kommt es am 25. September (jul.) / 8. Oktober (greg.) 1912 zur Kriegserklärung Montenegros an das osmanische Reich, dem die Kriegserklärung vom 16. Oktober vonseiten des osmanischen Reichs an Bulgarien folgt. Dieser schliessen sich mit dem Kriegseintritt gegen die Türken einen Tag später Serbien, Bulgarien und Griechenland an.

Beinahe überall wird das osmanische Reich zurückgedrängt, und es kommt ab Dezember 1912 in London zu Friedensverhandlungen, die mit der Unterzeichnung des Londoner Vertrags am 30. Mai 1913 abgeschlossen werden. Dabei verzichten die Osmanen auf alle europäischen Gebiete westlich der Linie zwischen Midia am Schwarzen Meer und Enez an der Ägäisküste. Die Unabhängigkeit Albaniens, welches sich im letzten Moment den Kriegshandlungen angeschlossen hat, wird ebenfalls besiegelt.

Allerdings ist Bulgarien mit der Verteilung der Gebiete nicht zufrieden und verlangt von Serbien die Abtretung besetzter Gebiete. So greifen Ende Juni 1913 bulgarische Truppen die serbische und die griechische Armee an. Dies führt dazu, dass im Friedensvertrag von Bukarest vom August 1913 Bulgarien fast alle im ersten Balkankrieg erzielten Eroberungen wieder abtreten muss. Es kommt in der Folge der Balkankriege auch zu enormen Völkerwanderungen, denn die ausgeübte Gewalt folgt in vielen Fällen ethnischen Abgrenzungen. So gehen die ungelösten Konflikte direkt in den Ersten Weltkrieg über, und sie schaffen sogar das Motiv für den verheerenden und zerstörerischen Kampf der Giganten auf dem europäischen Festland. Dabei kommen mit dem Attentat von Sarajewo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand von Österreich vom 28. Juni 1914 Pläne des serbischen Geheimbundes «Schwarze Hand» zum Tragen. Der Anschlag findet am symbolisch bedeutsamen Datum des 28. Juni 1914 statt, jenem Veitstag (Vidovdan), der mit dem 525. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld zusammenfällt, jenem Datum, an welchem der Märtyrer der Schlacht gegen die Türken gedacht wird.[4]

Dies sind die eindrücklichsten Entsprechungen zwischen der Muttereklipse, den Finsternissen der Saros-Serie 4 Nord und die Geschichte prägenden Ereignissen, die sich nicht auf die Historie der Serben beschränkten, sondern teilweise die ganze Welt in Mitleidenschaft gezogen haben. Die Entsprechungen späterer Finsternisse sind in ihrer Bedeutung nicht damit vergleichbar, aber dennoch von Interesse.

Weniger überzeugende Entsprechungen des Jahres 1930
Als weitere Etappen, die um die Sonnenfinsternis vom 28. April 1930 stattfinden, kann die Errichtung einer Diktatur König Alexanders I. mithilfe der Armee Anfang 1929 angeführt werden, der die Umbenennung des Staates in «Jugoslawien» am 3. Oktober 1929 folgt. Diese Vorgänge, ebenso wie die neue vom König erlassene Verfassung eines zentralistisch, unter serbischer Vorherrschaft geleiteten Staates vom 3. September 1931, ist die Quelle von Frustrationen bei anderen Völkern des Staates. Insbesondere die Kroaten fühlen sich ausgeschaltet, und die faschistische Ustascha-Bewegung unter Ante Pavélic plant – vermutlich mit Unterstützung des italienischen Auslandgeheimdienstes von Mussolini – die Ermordung König Alexanders. So werden zu einem Staatsbesuch des Königs in Frankreich, der im Oktober 1934 stattfindet, mehrere Mordkommandos entsandt, die den König zur Strecke bringen. Ohne weitergehende Studien lässt sich aber keine klare Zuordnung zur Zeit der Sonnenfinsternis vom 28. April 1930 finden, deren Bedeutung von Anfang April bis Ende September 1930 reicht.

Die bedeutungsvolle Finsternis des Jahres 1948
Zur nächsten Etappe, die durch die Sonnenfinsternis vom 9. Mai 1948 angezeigt ist, lässt sich die Fähigkeit von Staatschef Tito anführen, sich ab 1948 immer mehr von der Sowjetunion und dem Ostblock zu distanzieren. Eine Gelegenheit, sich als blockfreies Land zu profilieren, kann er bereits zur Zeit der Berliner Blockade vom 24. Juni 1948 unter Beweis stellen und damit im Westen Punkte sammeln. Dies ist aber mit dem Bruch zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion verbunden. Konkret beschliesst das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Jugoslawiens am 1. März 1948, man wolle sich den Direktiven aus Moskau nicht mehr beugen. Interessanterweise wird danach die KPJ am Veitstag 1948 (28. Juni) aus der kommunistischen Weltorganisation (KOMINFORM) ausgeschlossen. Die Welt ist überrascht, denn die föderative Republik Jugoslawiens hatte bisher immer als treue Verbündete der Sowjetunion gegolten. Zu diesem Schritt braucht es einigen Mut, den wahrscheinlich nur ein Held des Zweiten Weltkrieges, wie Tito, aufzubringen in der Lage war, denn ein solcher Ungehorsam gegenüber Stalin hätte dieser wohl keinem anderen Staatsführer Osteuropas durchgehen lassen. Es war wohl auch geschickt, dass Tito sich einer Einladung zu Gesprächen nach Moskau im Januar 1948 entzog und den Vertrauensmann der Sowjetunion in der jugoslawischen Staatsführung bereits Anfang 1948 verhaften liess. Verhaftungen gehen allerdings auch später weiter, und es ist die Rede, dass auf jugoslawischen Lagerinseln zu jener Zeit mehrere Zehntausende potenzielle Konterrevolutionäre inhaftiert wurden. 1949 kommt es sogar so weit, dass entlang der jugoslawischen Grenzen sowjetische Truppen zusammengezogen werden und Belgrad Kriegsvorbereitungen trifft. Wobei die Rede ist, dass im Falle eines sowjetischen Angriffs die USA Jugoslawien zu Hilfe eilen würden.

Umschichtungen zur Sonnenfinsternis des Jahres 1966
Zur Zeit der Sonnenfinsternis des Jahres 1966 findet eine Veränderung der bisher im Kosovo praktizierten repressiven Politik durch Entlassung des jugoslawischen Vizepräsidenten Aleksandar Rankovic statt, der dabei sämtlicher Ämter enthoben wird. Ihm, der ab 1945 für die Inhaftierung, Folterung und Tötung von Tausenden politischen Gefangenen und Regimegegnern verantwortlich gemacht wird, werden Machtmissbrauch vorgeworfen, und seine Entfernung bedeutet mehr Eigenkompetenzen für die jugoslawischen Teilrepubliken. Insbesondere die Provinz Kosovo profitiert von Rankovics Entlassung. Er hatte den Geheimdienst zu einem Staat im Staate ausgebaut, sodass sogar Staatschef Tito mit Abhöranlagen überwacht wurde. Im Anschluss an die Sonnenfinsternis vom 20. Mai 1966, wird am 16. Juni eine Untersuchungskommission eingesetzt, deren Ermittlungen gegen Rankovic erhobene Vorwürfe bestätigen, sodass er per 1. Juli aller Ämter enthoben, jedoch auf Geheiss Titos nicht weiter bestraft wird. Danach lebt er bis 1983, wenige Jahre bevor der Staat Jugoslawien zerfällt, unbehelligt in Dubrovnik (Kroatien).

Spätere Entwicklungen
Bereits ab Mitte der 1970er-Jahre gerät Jugoslawien aufgrund internationaler Stagflation und einschneidenden Ölpreiskrisen in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Überweisungen der Gastarbeiter in den Gastländern gehen zurück, sodass als Devisenquellen vor allem die Einnahmen aus dem Tourismus an der Adria herhalten müssen. Der Tod von Tito im Jahre 1980 macht die Situation nicht besser, und es ist wenig Bereitschaft da, um Empfehlungen von Wirtschaftskommissionen umzusetzen. Um die Gehälter der Staatsangestellten und die Ausgaben der Volksarmee bestreiten zu können, wird die Staatsverschuldung erhöht, und dies führt bis Mitte der 1980er Jahre zu Rekordwerten der Inflation von über 200 % pro Jahr. Bis Ende des Jahrzehnts und kurz vor der Wende des Jahres 1989 weist Serbien die höchste pro Kopf-Verschuldung sämtlicher europäischer Staaten auf. In den meisten Teilrepubliken sinken in den 1980er-Jahren das Bruttoinlandprodukt und die Realeinkommen der Menschen, und es kommt im Süden des Landes zu Arbeitslosenraten von ca. 50 %. So bringen die Olympischen Winterspiele des Jahres 1984 in Sarajewo zwar internationales Ansehen, aber Jugoslawien ist in Wirklichkeit nicht in der Lage, sich solche Auslagen zu leisten. In diesem negativen Lichte muss man die Situation des Landes zur Zeit der Finsternis vom 30. Mai 1984 sehen: Es sind dringende Reformen erforderlich, die jedoch bis Ende des Jahrzehnts nicht angegangen werden.

Die nächste Sonnenfinsternis der Saros-Serie 4 Nord ereignet sich am 10. Juni 2002. Der langjährige Vorsitzende der sozialistischen Partei Serbiens (1990–2006), Präsident der Sozialistischen Republik Serbien (1989 – 1991), Präsident der Republik Serbien (1991–1997) und Präsident der Bundesrepublik Jugoslawien, Slobodan Milosevic (1997–2000), befindet sich in Den Haag, wo ihm vom internationalen Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien seit dem 12. Februar 2002 der Prozess gemacht wird. Dieser kann jedoch nicht abgeschlossen werden, denn Milosevic stirbt während des Prozesses im Jahre 2006. Ein Jahr später wird, im Februar 2003, die bestehende Bundesrepublik Jugoslawien, die noch aus Serbien und Montenegro besteht, aufgelöst, wobei die daraus hervorgehende «Staatliche Gemeinschaft Serbien und Montenegro» wegen Ausscheidens Montenegros im Jahre 2006 auch nicht weiterbestehen kann. Das Resultat ist der vollständige Zerfall des Landes in Einzelstaaten, wovon es bis jetzt Slowenien und Kroatien in die EU geschafft haben. Im Jahre 2008 erklärt sich die Provinz Kosovo für unabhängig, was von Serbien nicht akzeptiert wird – eine Tatsache, die den EU-Beitrittsverhandlungen Serbiens im Wege steht.

Wir können gespannt sein, ob die Sonnenfinsternis vom 21. Juni 2020 Bewegung in die blockierten Verhandlungen bringt. Soeben hat Anfang Juni der Kosovo seine Bereitschaft erklärt, Zölle auf Waren aus Serbien auszusetzen. Vielleicht ist dies ein Hinweis, dass man sich aufeinander zubewegt.

 

Tabelle 1: Sonnenfinsternisse der Saros-Serie 4 Nord seit der Muttereklipse (greg. Kalender):
Muttereklipse SS 4 N: 25.5.1389 (jul.) / 2.6.1389 (greg.); Schlacht am Amselfeld: 15.6.1389 (jul.) / 23.6.1389 (greg.)

15.6.1407      SoFi 22 ½ Zwillinge
25.6.1425      SoFi 3 Krebs
6.7.1443        SoFi 13 ½ Krebs
16.7.1461      SoFi 24 Krebs
28.7.1479      SoFi 4 ½ Löwe
7.8.1497        SoFi 15 Löwe
19.8.1515      SoFi 25 ½ Löwe
30.8.1533      SoFi 6 Jungfrau
10.9.1551      SoFi 17 Jungfrau
20.9.1569      SoFi 27 ½ Jungfrau
2.10.1587      SoFi 8 Waage
12.10. 1605   SoFi 19 Waage
23.10.1623    SoFi 0 Skorpion
3.11.1641      SoFi 11 Skorpion
14.11.1659    SoFi 22 Skorpion
24.11.1677    SoFi 3 Schütze
6.12.1695      SoFi 14 ½ Schütze
17.12.1713    SoFi 26 Schütze
29.12.1731    SoFi 7 Steinbock
8.1.1750        SoFi 18 Steinbock
19.1.1768      SoFi 29 Steinbock
30.11.1786    SoFi 10 ½ Wassermann
11.2.1804      SoFi 21 ½ Wassermann
21.2.1822      SoFi 2 ½ Fische
4.3.1840        SoFi 14 Fische
15.3.1858      SoFi 25 Fische
25.3.1876      SoFi 5 ½ Widder
6.4.1894        SoFi 16 Widder
17.4.1912     SoFi 27 Widder
28.4.1930      SoFi 8 Stier
9.5.1948        SoFi 18 Stier
20.5.1966      SoFi 29 Stier
30.5.1984      SoFi 9 ½ Zwillinge
10.6.2002      SoFi 20 Zwillinge
21.6.2020      SoFi 0 Krebs

Fussnoten:
[1] Amselfeld = Kosovo Polje (serbisch) resp. Fushë Kosovë (albanisch)
[2] Nikopolis heisst heute Nikopol und liegt an der Donau in Bulgarien.
[3] Diese Sicht der Geschichte wird heute noch nicht allgemein akzeptiert, aber neuere Dokumentenfunde sprechen für die Richtigkeit dieser These.
[4] Im 14. Jh.müssen einem Datum im julianischen Kalender 8 Tage hinzuaddiert werden, um zum entsprechenden Datum im gregorianischen Kalender zu gelangen. So entspricht der 15. Juni 1389 als Tag der Schlacht auf dem Amselfeld im julianischen Kalender dem 23. Juni 1389 im gregorianischen Kalender. Da in Serbien die Umstellung vom julianischen auf den gregorianischen Kalender aber erst im Jahr 1919 geschah, wurde der bis zu diesem Zeitpunkt für den St. Veitstag geltende 15. Juni mit der Kalenderumstellung auf den 28. Juni verlegt, da im 20. Jh. 13 Tage hinzugefügt werden müssen, um vom julianischen zum gregorianischen Kalender zu gelangen.


 
Claude Weiss beschäftigt sich seit über 50 Jahren mit Astrologie; Herausgeber der Zeitschrift ASTROLOGIE HEUTE; gründete 1978 die Astrodata AG, welche astrologische Analysen anbietet; von 1988 bis 2019 Präsident des Schweizer Astrologenbundes (SAB); gefragter Referent an internationalen Kongressen. Bücher: «Die 28 Mondphasen der Geburt - Eine inspirierende Erweiterung des klassischen 8-Phasen-Mandalas»,«Warum wir uns inkarnieren - Das Geheimnis des karmischen Neumondes», «Horoskopanalyse» Band 1 und 2 (Band 2 ist in einer überarbeiteten und stark erweiterten Neuauflage erhältlich), «Karmische Horoskopanalyse», Band 1 und 2, Mitautor der Bücher «Pluto – Eros, Dämon und Transformation», «Die Lilith-Fibel», «Wendezeit 2010-2012», «Visionen einer neuen Zeit», E-Mail an Claude Weiss