Astrologie Heute Nr. 209 (Februar 2021)
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Astrologie Heute Nr. 209
Februar 2021

Inhaltsverzeichnis
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Astro-logische Merk-Würdigkeiten

Der hat sie wohl nicht alle!

von Barbara Egert

«Der hat sie wohl nicht alle!» – Schon immer oder erst neuerdings? Und gab es je eine Zeit, in der er alle beisammen hatte? Was ist mit «alle» gemeint? Dass er nicht alle Tassen im Schrank hat, kann unmöglich stimmen, da er, so minimalistisch wie er nun mal ist, überhaupt nur eine einzige Tasse besitzt, ein Erbstück, und todtraurig wäre, wenn der etwas zustiesse. Eine einzige Tasse? Keine Seltenheit bei notorischen Saturniern mit Hang zum Wenigen, das bekanntlich wertvoller als alles Viele ist. Vielleicht versteckt sich sein wahres Geheimnis ja im Schrank und nicht in den Tassen. Wenn mein astrologischer Spürsinn erst einmal geweckt ist, lässt er es nicht bei nicht vorhandenen Tassen bewenden, sondern möchte unbedingt wissen, warum sein unbarmherziges Schicksal sie ihm tückisch entwendet. Kommt daher sein saturnischer Galgenhumor? Und ganz besonders möchte ich natürlich wissen, was sein Verhältnis zu Tassen psychologisch bedeutet. Scherbenängste? Tassentrauma?

Eine seiner Eigenarten kenne ich nur zu gut: Wo andere Humor haben, klafft bei ihm nicht nur eine Lücke, sondern eine Fallgrube. Angenommen, man geht spazieren und das sonnige Blau des Himmels verdunkelt sich. Und siehe da, die ersten Tropfen «fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten», zitiere ich Rilke, um ihn aufzuheitern. Und voller Hoffnung, dass seine strikte Ironieabstinenz sich vielleicht doch noch ins Gegenteil verkehrt hat, wage ich ein «Das ist aber ein prächtiges Wetter!» – «Aber es schüttet doch gleich. Siehst du das denn nicht?» Und schon ist man in die Grube seiner Humorlosigkeit gefallen. Und wie kommt man da wieder raus? «It’s raining cats and dogs», versuche ich es noch einmal. Massloses Entsetzen, dass jemand auf so eine verrückte Idee kommen könne, Katzen und Hunde meteorologisch zu missbrauchen. Und regnende Bindfäden? Keine Antwort. Nur starres Schweigen. Er scheint vom Hopfen der Höflichkeit und dem Malz des guten Willens völlig verlassen zu sein. Kein Wunder eigentlich, da ich sein Horoskop kenne. Dominanz von Jungfrau und Steinbock, und ein bisschen Skorpion ist auch dabei.

Selbst wenn Stürme der Entrüstung, Wut und Verzweiflung einem das Leben schwer machen, sollte es einen trösten, dass keiner jemals alle beisammen hat. Wäre das überhaupt wünschenswert? Jeder weiss doch, wie erfinderisch man wird, wenn nur noch das Handgepäck des Notwendigsten da ist, statt all dessen, was sich in einem so ansammelt. Auch das Horoskop beweist einem ja, dass alles seine Zeit hat und man sie nutzen sollte. Zwar funkeln alle Sterne gleichzeitig, aber der mit der momentan optimalen Frequenz hat so lange das Sagen, bis ein anderer ihn ablöst und uns mit seinen Eigenschaften vertraut machen möchte. Eben noch geht es um Finanzen (Merkur im zweiten Haus), schon meldet sich die Liebe zu Wort (Venus im fünften Haus) und klappt die Buchhaltung zu. Merkur in Hochform erfüllt die Luft mit Freude am Denken. Chopin sollte man sich erst überlassen, wenn Neptun einem zulächelt.

Es macht keinen Sinn, Ordnung schaffen zu wollen, wenn Neptun regiert, während Saturn sich auf jenes Terrain zurückgezogen hat, das man ihm kaum noch zutraut: das der Melancholie. Man hat sie eben nie alle beisammen! Warum also nicht das Beste daraus machen? Zwar fehlt gerade Pluto, wenn man sich meint durchsetzen zu müssen. Doch eine intensive Merkur-Präsenz ersetzt seine Abwesenheit durch eine Fülle listenreicher Einfälle, die auch zum Ziel führen. Wenn Saturn seine Zügel lockert, dürfen endlich die Gefühle auch mal tun und lassen, was sie wollen. Warum interessiert es einen eigentlich so stark, von Uranus zu erfahren, was im nächsten Jahr los ist, wenn schon die Gegenwart Probleme macht? Und auch Venus wird schon wissen, wann sie Eros bitten wird, seine Pfeile bereitzuhalten bzw. sie im Köcher zu lassen, wenn sich ein gewisser Jemand zwar eine Affäre wünscht, Venus aber zu bedenken gibt, dass er bereits drei andere am Laufen hat – eine legale, eine platonische und eine digitale.

Die Welt ist auch dann noch in Ordnung, wenn mal eine Tasse zerbricht, zumal der Volksmund weiss, dass Scherben Glück bringen. Allerdings, nicht alle Fledermäuse im Glockenturm zu haben, deutet auf eine merkuriale Katastrophe hin und sollte therapiert werden. Und was ist, wenn einem jemand sagt: «Du hast doch nicht alle Nadeln an der Tanne!»? Pluto würde nicht lange zögern und kontern: «Du nadelst mich an!»


Barbara Egert, geprüfte Astrologin DAV, jahrzehntelange Astrologieerfahrung; Bücher: «Astro-logische Merkwürdigkeiten – Kolumnen» (2017, nur bei Amazon erhältlich), «Wenn die Kindheit Schatten wirft: Beziehungen, Hochsensibilität, Narzissmus» (2014), «Hochsensibilität im Horoskop» (2012), «Krisen im Horoskop erkennen» (2011), «Kindheitserfahrungen im Horoskop» (2009); ständige Mitarbeiterin von ASTROLOGIE HEUTE, E-Mail: Barbara Egert