Astrologie Heute Nr. 133 (Juni 2008) - Editorial
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Astrologie Heute Nr. 133
Juni 2008

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 E  D  I  T  O  R  I  A  L 

 

 
Armando Bertozzi
 

Liebe Leserin, lieber Leser

 
In Krisenzeiten neige ich zu Pessimismus und einer Haltung des «Ennui» [S. 23]. Überdruss, Unlust und die Überzeugung von der Sinn- und Wertlosigkeit allen menschlichen Tuns. Meines allzumenschlichen Tuns. Deshalb tue ich dann nichts, was es auch nicht besser macht. Die Kunst des Müssiggangs (Hesse) habe ich leider noch nicht erlernt. Ich trete dann innerlich gegen (m)eine Mauer, die mich ausschliesst von der Welt. Die Mauer ist eine Gummiwand. Heimlich und nur in mir kann ich mich in diesen Fällen, und nur in diesen Fällen, zu den Verrückten zählen. Verrückt in meine Seifenblase, die geschmeidig nicht platzt, wenn ich gegen sie trete. Astrologie ist eine andere Art des Zugangs zur Wahrnehmung, also zur Wirklichkeit. Das verstehen unsere Wissenschaftler nicht, sie sollten Wissensschaffer sein. Wie alles Schöne, Gute, Edle ist die Wirklichkeit ein Mysterium. Ein Geheimnis ist der Mensch: sein Leben, sein Kommen und Gehen, sein Lieben und Leiden. Was ist Kunst? Ein Ei im Adlernest. [S. 40ff.] Was ist Schönheit? Wir können es nicht in Wahrheit, also für immer und ewig (wie wir als Knirpse gerne sagten), sagen. Milliarden von Sonnenauf- und Sonnenuntergängen, auf Fotos, Film, Leinwand, Postkarten gebrannt, beweisen: Das ist es nicht. Auch sie sind ein Mysterium. Ein Wunder, das wir nicht festhalten können, weil es – was es uns bedeutet – kein Atom, kein Quark und kein Antiquark ist. Aurora bestrahlt unseren Morgen, an dem wir aus der Dunkelheit unserer Zelle treten. Heil dir, Sonne! Was ist Freude? Götterspeise. Wir können Freude nur umschreiben, umrunden wie die Planeten die Sonne, können Gründe nennen, aber sie kommt und geht doch, wie sie will. Als Erdenwesen blendet uns die Sonne, weil wir sie nicht verstehen. Nur abgeschattet sehen wir sie des Abends in den Schlund der Nacht hinabsteigen. Abendrot, wer könnte es vermitteln, dem, der es nicht sieht, in seinem Wunder? Meine seifenblasige Gummizelle ist auch ein Geheimnis, ein dunkles. Ich will es nicht sehen noch kennen. Geheimnisse, die man weiss, sind erstens keine mehr und zweitens manchmal unangenehm. Entzauberte Welt, wo ist dein Sinn?  
 
In meinen dunklen Tagen in der Zelle sinke ich in einem entzauberten Gefühl der Sinnlosigkeit tiefer. Manchmal denke ich, dass mich dieses schwarze Loch nur anzieht wie ein schwarzes Loch, um herauszufinden, ob noch jemand da ist … da draussen. Jemand, der mich ruft. Dieser Ruf zeigt mir, dass ich noch lebendig bin. Dass ich gewollt werde, vielleicht sogar … was mir absolut unverständlich ist; (m)ein Geheimnis, das ich nicht kenne. Es liegt in den Uranfängen. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, wie schon jener bereits zitierte Dichter etwas überschwänglich dichtete. Wie wir uns begegnen, als Menschen von Angesicht zu Angesicht, zum ersten Mal, was wir mit uns erleben in diesem Augenblick, was zu uns spricht, ist Wahrsagerei im wörtlichen Sinne. In diesem kurzen Moment der Begegnung ist alles da. [S. 24ff.] Ein Lachen schallt durch Raum und Zeit. Alle Dichtung, alle Kunst, alle Wissenschaft ist nur Strampeln gegen den Fluss ohne Wiederkehr, der uns wie ein Sog hinabzieht. Hinter dem schwachen Schein des Horizonts aber sinkt die Sonne tiefer. Auch mein Editorial sinkt tiefer, zumindest auf diesem Blatt Papier. Dass Sie es lesen, und das tun Sie ja gerade, macht die Seifenblase meines Schreibens durchlässiger. Ich schreibe jetzt an Sie im Zimmer meiner Gedanken, und Sie lesen mich (oder den Teil, den Sie zwischen den Zeilen lesen). Sie wissen schon, was ich meine, weil ich meine, dass Sie es schon wissen. Wer könnte es vermitteln, dem, der es nicht sieht, in seinem Wunder?

Armando Bertozzi
Redaktor
 

Armando Bertozzi, von 1975 bis 1982 Kurse in Astrologie, Alchemie und Kabbala; 1980 bis 1988 Redaktor und Mitherausgeber von Essentia, der Zeitschrift für evolutionäre Ideen; seit 1989 Chefredaktor von ASTROLOGIE HEUTE (E-Mail: Armando Bertozzi)